Ein großer Baum im Zeitlupentempo

Alexander Lind aus Rieneck widmet seit fast vier Jahrzehnten seine Freizeit der Kunst des Bonsai. Für ihn sind die Miniaturbäume vor allem eines: ein Ausgleich zum hektischen Alltag. Während vieles heute möglichst schnell gehen muss, wächst ein Bonsai nach seinen eigenen Regeln. Man kann ihn formen, aber nicht drängen. Ein Ast wird um wenige Millimeter gebogen und mit Aludraht fixiert, ein Trieb sorgfältig zurückgeschnitten. Dann heißt es warten – Wochen oder sogar Monate. Wer einen Bonsai gestaltet, braucht vor allem eines: Geduld.

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Geduld statt Geschwindigkeit

Alexander Lind bringt sie mit. Der 54-Jährige aus Rieneck begeistert sich seit seiner Jugend für Pflanzen, besonders aber für Bonsai. Das japanische Wort bedeutet „Baum in der Schale“. Ziel ist es nicht, einen Baum künstlich klein zu halten, sondern einen alten, eindrucksvollen Baum im Miniaturformat entstehen zu lassen.Fast jede Baumart eignet sich dafür. Ahorn, Kastanie, Lärche, Birke oder Obstgehölze können durch regelmäßigen Schnitt und behutsames Drahten über viele Jahre gestaltet werden. Manche Jungpflanzen holt Lind sogar aus seinem eigenen Wald. Zunächst wachsen sie auf seinem Hanggrundstück weiter, bilden kräftige Wurzeln und einen starken Stamm, bevor sie in einen Trainingstopf und später in ihre Bonsaischale umziehen.

Ein Baum wird gestaltet

Bevor die Arbeit beginnt, überlegt sich Lind die spätere Form des Baumes. Manchmal muss dafür sogar die Spitze oder die ganze Krone weichen. „Hier kann man sich austoben, wie man möchte“, sagt er. Besonders stolz ist er auf einen kleinen Lärchenwald, den er mit mehreren Bäumen und einem Felsen in einer einzigen Schale gestaltet hat. Lärchen zählen zu seinen Lieblingsbäumen. Sie lassen sich gut formen und zeigen den Wechsel der Jahreszeiten besonders eindrucksvoll. Auf Spaziergängen hält Lind außerdem Ausschau nach markanten Steinen, die später Bestandteil seiner kleinen Landschaften werden.

Etwa alle zwei Jahre werden die Wurzeln zurückgeschnitten und die Bäume umgetopft. Beim Drahten setzt Lind ausschließlich auf Aludraht, der nach dem Biegen seine Form behält. Vieles hat sich der Autodidakt aus Büchern angeeignet.„Jeden Ahorn können Sie biegen, aber eine Ulme bricht. Die muss man mit Schneiden erziehen“, erklärt er.

Ruhe zwischen den Schalen

Zwischen 150 und 200 Bonsais pflegt Lind heute rund um sein Haus. Allein das Gießen nimmt täglich etwa eineinhalb Stunden in Anspruch, am Wochenende oft deutlich mehr. Pestizide verwendet er nicht. Die meisten Bäume bleiben das ganze Jahr im Freien und vertragen sowohl Hitze als auch Frost. Nur ein alter Olivenbaum erhält im Winter einen geschützten Platz. Mit 15 Jahren begann seine Leidenschaft, später rückte sie zeitweise in den Hintergrund. Seit seinem 25. Lebensjahr widmet er sich den Bonsais wieder intensiv. Sogar beruflich versuchte er sich einige Jahre als Bonsaigestalter, entschied sich schließlich aber für die Energieberatung und kümmert sich um Anbieterwechsel.

Nach einem Herzinfarkt wurde die Pflege seiner Sammlung zeitweise von der Familie übernommen. Heute sind die kleinen Bäume für ihn vor allem eines: Entschleunigung.„Meine Bonsais sind ein Ausgleich zum Stress im Alltag. Man kommt abends runter, wenn man gießt, schneidet oder drahtet.“

Der Weg ist das Ziel

Gerade gestaltet Lind einen Baum vom Grab seiner Mutter zu einem Bonsai – als Erinnerung an ihre gemeinsame Liebe zu Pflanzen. Ein Bonsai, sagt er, sei niemals fertig. Er begleite seinen Besitzer oft über Jahrzehnte. Einige seiner Bäume sind bereits mehr als 40 Jahre alt und sollen später einmal an die nächste Generation weitergegeben werden. Denn der eigentliche Wert eines Bonsais liegt nicht im fertigen Baum – sondern in dem langen Weg dorthin.

Vom Ausgraben zum fertigen Bonsai

Unsere Mitgliederakademie zeigt, wie aus einem Baum ein Bonsai wird, und vermittelt praktische Tipps zu Pflege.

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