Gib Plastik einen Korb!

Diese Grundeinstellung für ihren Alltag hat das Ehepaar Sabine und Volker Wingenfeld aus Zellingen in ihrem Hobby Korbflechten mittlerweile perfektioniert. Bis zu ihrem 50. Lebensjahr waren beide eher sportlich unterwegs, liefen mehrere Marathons. Sabine kümmerte sich zudem um den Nachwuchs beim Kinderturnen, Volker um Fußballer als Trainer. Mit der Bilanz dieses bisherigen Lebens beschlossen beide, nicht mehr den Schwerpunkt nur auf das Körperliche zu legen, sondern auch auf das Kreative, um auch dem Inneren, den Gefühlen mehr Raum zu geben. Sie meldeten sich in Gemünden für einen Korbflechter-Kurs bei Wolfgang Enzian an.

Inhalt

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Handwerkliches Geschick nötig

Anfangs lief es alles andere als rund, schien das traditionelle Handwerk für beide kompliziert, sah der Korb nicht so rund aus wie beim Lehrherren. „Wir kauften uns Bücher, belegten weitere Kurse – und blieben vor allem dran“, erinnert sich Volker. Der 62-jährige ehemalige Polizeibeamte spricht von der Disziplin, vom faszinierenden Prozess des Lernens, denn Kraft in den Fingern und Geschicklichkeit sind vonnöten. Früher hätten deshalb nur Männer – meist in der Winterzeit – die großen, schweren Körbe geflochten. „Die dicken Ruten musst du in die Biegung bringen, bevor es filigran weitergehen kann“, beschreibt Volker den durchaus anstrengenden Fertigungsprozess. „Uns hat die Leidenschaft gepackt“, steuert seine Frau Sabine (63) bei. Sie arbeitet noch als Erzieherin in der Würzburger Tageseinrichtung „Kilianshof“ mit mehrfach behinderten Menschen und hat deshalb nicht ganz so viel Zeit fürs gemeinsame Hobby. Dabei gilt: Üben, üben, üben. „Wie fast jedes Handwerk ist auch das Weidenflechten ein Prozess ewigen Lernens. Es erfordert viel Geschicklichkeit und hohe Fingerfertigkeit.“ Schnell war das Ehepaar glücklich über die Resultate. „Es ist die Freude am Schaffen, etwas mit den Händen zu machen“, beschreibt Volker die Motivation. Schon beim Betreten des Zellinger Anwesens fällt im naturnahen Garten, einem Paradies für Kleinlebewesen und Vögel, lauter Flechtwerk auf: von schlichten, funktionalen Körben bis hin zu aufwendig geflochtenen Vogelhäuschen, Laternen, Kunst-Objekten wie Libellen – die Palette ist so vielfältig wie die Weiden selbst. ‚Salix‘ lautet der botanische Übergriff für alle. Es gibt über 400 Arten, die unterschiedlich sind, sich immer wieder kreuzen. Ein nachwachsender Rohstoff, den unsere Ahnen schon vor Jahrtausenden geschnitten haben, um Sinnvolles daraus zu flechten. Gerade die hohe Stabilität des Flechtwerks erlaubt es, auch schwere Güter, wie beispielsweise Steine, damit zu transportieren. Volker holt sich Weiden vor Ort: beim Kindergarten stehen zwei Weiden, und der Hausmeister weiß immer schon Bescheid, dass das Ehepaar Wingenfeld gern die Ruten weiterverarbeitet.

Mann flechtet gerade einen Korb.

Einst Gartenzaun geflochten

Auch ihren 17 Meter langen Gartenzaun hatten die beiden geflochten – drei Wochen lang aus Haselnusszweigen. Sieben Jahre hat er dann gehalten, bis er schließlich verrottet war. „Wir waren einfach im Flechtmodus und sind es auch heute noch“, beschreibt Sabine die Entwicklung. Die beiden lieben die unterschiedlichen Farben, verarbeiten grundsätzlich die ungeschälte Weide, also mit Rinde. „Immer eine Naturweide, die ist mal blau, mal schwarz, mal grün oder rötlich“ – das macht dann das Flechtwerk auch farblich attraktiv, weil nicht eintönig. Den nachwachsenden Rohstoff bezieht das Zellinger Ehepaar vorwiegend aus der Region, in der Zeit, „wenn das Laub gefallen ist, bis es wieder austreibt Ende Februar“. Die abgeschnittenen Weiden werden zunächst getrocknet und gelagert – und bei Bedarf mindestens eine Woche im Bottich eingeweicht, um sie so geschmeidig zu machen für die Weiterverarbeitung. 

„Wir arbeiten vom Frühjahr bis in den Herbst am liebsten draußen“, berichten die beiden. Also ganz anders als die Altvorderen, die ihre Körbe im Winter geflochten haben, wenn in der Landwirtschaft nicht so viele Arbeiter benötigt wurden. Dann wurde die Herstellung von Weidenprodukten eine wichtige finanzielle Einnahmequelle.

Korbflechter brauchen nicht viele Werkzeuge:

Gartenschere, Ahle, Zollstock, Messer und verschiedene Arten von kleinen Hölzchen, die zum Spalten von dicken Weidenruten dienen, gehören dazu. Da gibt es welche, die vierteln, dritteln oder halbieren. Das Wichtigste jedoch sind fähige Hände. Etwa fünf bis sechs Stunden benötigt Volker Wingenfeld für einen handgeflochtenen Korb. „Man muss darüber bleiben, in einem Zug durcharbeiten, kann höchstens einmal einen Tag pausieren. Sonst muss das Material wieder gewässert werden“, verrät er. „Am Anfang ist hohe Konzentration erforderlich, was anstrengend ist, das Meditative kommt mit der Zeit“, schöpft Volker aber auch Kraft aus diesem zeitraubenden Hobby. 

Frau und Mann in Aktion beim Korbflechten

An einem fast fertigen Korb demonstriert er, wie ein Griff entsteht. „Die Rute wird in sich gewickelt, also verdreht – ähnlich wie bei einem Seil und dann in den Henkelkern gewunden“, erklärt er. Bei ihm scheint das leicht von der Hand zu gehen. Die filigranen Libellen, die Sabine kreiert hat, nehmen in ihren Fingern bei ihrer Demonstration eine erkennbare Form an. „Das ist eine andere Technik“, stellt sie nebenbei fest.

Storchennest in XXL-Größe

Von ihrem Handwerk leben könne man nicht, darin sind sich die beiden einig. Dabei hat es inzwischen eine Renaissance erlebt. Seit 2006 kann man in der einzigen Staatlichen Fachschule in Deutschland im oberfränkischen Lichtenfels den Ausbildungsberuf Flechtwerkgestalter innerhalb von drei Jahren erlernen. Für die Zellinger sei es immer wieder ein Erlebnis, den Korbmachermarkt im September in Lichtenfels zu besuchen, wo auch eine ganz alte Fachfirma angesiedelt ist, mit Material von weich bis hart, von dünn bis dick. Dort treffen sich alljährlich die europäischen Spitzenflechter aus Skandinavien, Großbritannien, Dänemark. Man fachsimpelt, tauscht sich aus, holt Anregungen. Aber auch die beiden sind längst gefragte Experten.

„Am Anfang waren wir eher verschämt, aber weil Organisatoren Aussteller suchen, beteiligten wir uns zunächst an einem kleinen Weihnachtsmarkt“, erzählen sie. Der Bürgerbräu-Bauernmarkt in Würzburg kam dazu. Man treffe immer wieder interessante Menschen, ein bestimmtes Klientel – und das fühlt sich angesprochen von den künstlerischen, aber auch praktischen Objekten des Paars: neben den Körben, Schalen, Beerenkörbchen auch Nisthöhlen, Katzen-Tipis, Schalen mit Holzboden. Vor zwei Jahren kamen geflochtene, ausgefallene Umhängetaschen dazu – oder Storchennester in XXL-Größe aus Weidenmaterial mit bis zu 115 Zentimeter Durchmesser. Das war ein Spezialauftrag eines Tierarztes jenseits der französischen Grenze, der verletzte Vögel aufzieht. Da Störche in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger natürliche Nistplätze finden, sind sie heute vielerorts auf von Menschen angefertigte Nester angewiesen. Das Naturmaterial Weidenholz sei hierfür besonders geeignet, da man aus Erfahrung wisse, dass Nester aus Kunststoff oder anderen synthetischen Materialien eher gemieden werden. Diese Anfrage des Tierarztes verstanden die beiden als Dienst an der Natur. „Die Schalen haben gerade so ins Auto gepasst“, erinnern sie sich über das bisherige Highlight in ihrem Korbflechter-Dasein. Zusammen haben die beiden sechs erwachsene Kinder, jedoch ist bislang noch keines in die Fußstapfen der Eltern getreten. Aber sie freuen sich immer über die Brot- und Waschkörbe sowie Taschen, die sie von ihnen geschenkt bekommen. Viel besser als Plastik eben.

 

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