Diesen Satz des 67-jährigen Himmelstadter Kunstschmieds Roland Gräf glaubt man sofort. Beim Besuch in seiner Schmiede wird deutlich: Hier arbeitet ein Mensch, der für seinen Beruf im wahrsten Sinn des Wortes brennt, der schon morgens an der Esse steht und manchmal vergisst, dass eigentlich Wochenende
ist. So entstehen viele ungewöhnliche, aber funktionale Objekte. Was seine Schmiede im Himmelstadter Gewerbegebiet verlässt, könnte immer wieder den Stempel „einmalig“ tragen. Es sind Unikate – passend zur Geschichte eines Anwesens oder zum Auftraggeber.
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Roland Gräf - Werdegang
Gräf hat mit seinem Handwerksbetrieb im ehemaligen Schweinestall seiner Eltern in Retzbach angefangen, kam dann Mitte der 1990er Jahre nach Himmelstadt, um dort ohne Rücklagen seine Werkstatt aufzubauen. Nach dem großen Geld hat er nie geschielt. „Wenn ich den Kontoauszug heraushole, dann fängst du das Heulen an.“ Reich werden kann und will er nicht mit seinem Handwerk, das er liebt und perfektioniert.
„Ich habe schon als Grundschüler immer Sachen gemacht, die waren schön und sichtbar. Als junger Mensch wusste ich, dass ich Dinge schaffen will, die zeitlos sind, Charakter haben und einen Wiedererkennungswert.“ Er absolvierte eine Schlosserausbildung, spürte schon früh, „dass ich alles selbst entwickeln, eigene Ideen umsetzen und nicht Fertigteile montieren und zusammenbauen wollte.“ Also machte er selbständig weiter als Schmied, lernte immer mehr dazu. „Aber man braucht einen Mentor, der dich an sich ranlässt. Denn wenn man solche Leute nicht trifft, ist der eigene Entwicklungsweg viel länger.“
Gräf hatte Glück, traf 1990 auf den deutsch-tschechischen Kunstschmied, Bildhauer, Zeichner, Restaurator und Designer Alfred Habermann, der in der Branche als „der Schmiedepapst“ galt und weltweit einen Ruf genoss. Er habe sich anfangs vieles nicht zugetraut, blickt der zierliche, aber drahtige Gräf im Gespräch zurück. Bei den früheren von Habermann ausgerichteten „Schmiedetreffen“ stellte er einst aus – und wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, die noch heute eingerahmt bei ihm an der Wand hängt. Das schenkte ihm Mut.
Dennoch war es seine Frau Sonja, die sehr viel früher als er gewusst habe, dass er einmal selbständig viele Ideen aus Stahl, Edelstahl, Messing, Kupfer und selbst Aluminium als Schmied umsetzen – und der Feuerhaken bei ihm zum „Handschmeichler“ würde. „Jede Arbeit hat eine Ehrlichkeit zu Zeit und Ort. Ja, ich erkenne anhand der Formensprache, welcher Schmied am Werk war, denn jeder hat seine Handschrift.“
So bewundert er beispielsweise die Arbeiten des „Königs der Schmiede“ Johann Georg Oegg, der zu den Größten seiner Zunft im 18. Jahrhundert gehörte und unter anderem sämtliche Ziergitter der Würzburger Residenz fertigte. Als seit über drei Jahrzehnten geprüfter Restaurator im Schmiede-Schlosser-Handwerk mit dem entsprechenden Rüstzeug und Wissen ausgestattet, hat Roland Gräf die Oegg-Arbeiten vom Schloss Werneck wieder auf Vordermann gebracht, vier Turmkreuze vom Würzburger Käppele restauriert und noch sechs weitere von anderen Kirchen, wie auf dem Turm der Würzburger Marienkapelle rekonstruiert, die abgebrochene Spitze der Neumünsterkirche in der Frankenmetropole wieder befestigt.
Beispiele seiner Arbeiten im öffentlichen Raum finden sich auch außerhalb Frankens: die Restauration der Eingangstüre an der Gedächtniskapelle des Hauses Battenberg auf Schloss Heiligenberg, die aufwändige Wiederinstandsetzung des Haupttores auf Schloss Auerbach oder neue, umfangreiche Zaunanlagen in Stuttgart und Ludwigsburg. Er hat aber auch Ausleger von Wirtschaften oder besondere Hoftore restauriert oder neu geschmiedet. „Sieben Zentner hat der Ausleger vom Gasthaus ‚Die Goldene Gans‘ in Würzburg gewogen. Da fragt vorher keiner, ob das von der Statik funktioniert.“
„Ich suche mir die Arbeit nicht, sie sucht mich!"
Die Arbeit sucht mich!
Es sei einfach der Reiz des Außergewöhnlichen, die schwierige, anspruchsvolle Arbeit, die Roland Gräf herausfordert. Zudem ist dem Meister der spätere Aha-Effekt im Auge des Betrachters wichtig. „Ich suche mir die Arbeit nicht, sie sucht mich“, sagt er in seinem an die Schmiede angrenzenden Büro voller Bücher, mit einem Zeichentisch und einem Computer, dessen Bildschirmschoner – wie sollte es anders sein – das Gemälde „Apollo in der Schmiede von Vulcan“ (Hephaistos, Gott der Schmiede) des spanischen Malers Diego Velasquez ist. Seine Arbeiten hat er fotografisch archiviert – etwa den geschmiedeten Olivenbaum für eine Kirche in Würzburg, Zäune, Buchstaben, die modern den Jugendstil interpretieren, ein Grabkreuz im Rokoko-Stil, das Wappen des Landratsamts in Karlstadt, außergewöhnliche Messer, das Pfarrhaus in Eußenheim oder eine geschmiedete Schürze, die Teil der Dorfplatzgestaltung von Müdesheim wird.
Zuletzt hat er über eine längere Zeit 4000 Herbstblätter geschmiedet, die eine Kugel mit einem Durchmesser von 1,60 Meter formen. Das Kunstwerk steht am Besinnungsweg Retztal an der Benediktushöhe Retzbach. So wurde er im Lauf seiner beruflichen Tätigkeit ein Mann mit großer Erfahrung, bei dem Leute auch von weither anrufen und anfragen. Als staatlich geprüfter Schweißerfachmann fühlte sich der Schmied an seiner Ehre gepackt, als jemand meinte, er könne keine Dorflampen herstellen, die einer TÜV-Prüfung standhalten. „Oftmals entscheidet nur ein Bauteil über diese Funktion“, sagt er – letztendlich durfte er die Lampen liefern.
Wer mit mir arbeitet, muss Leidenschaft mitbringen
„Was wir bauen, sind die Antiquitäten von morgen.“ Dieses Selbstbewusstsein und auch sein umfangreiches Wissen gibt der versierte Handwerksmeister aktuell weiter an seinen Azubi Eric Doberstein. Der startet ins dritte Lehrjahr, nimmt jeden Tag einen zweistündigen Weg von seinem Heimatort in Mittelfranken auf sich, um bei Gräf arbeiten zu dürfen. Ein junger Mensch mit Abitur in der Tasche, der schon als Elftklässler wusste, dass er die Schmiedekunst erlernen will. „Der Werkstoff Holz ist nicht so meins“, sagt der Sohn eines Zimmermanns und späteren Architekten und einer Künstlerin. Übers Schrauben an Oldtimern kam er über Umwege zu Gräf und harmoniert gut mit ihm.
Ebenso wie Praktikant Khalil, der trotz Jurastudiums lieber am Amboss steht, weil ihm das mehr Spaß macht. „Wer mit mir arbeitet, muss Leidenschaft mitbringen“, das ist für den Meister wichtig. Er will so lange weitermachen mit seiner Arbeit, bis ein Gleichgesinnter übernimmt. Wer es übrigens selbst einmal versuchen mag: Schlossermeister Gräf gibt auch Kurse in seiner Werkstatt. Teilnehmende dürfen an der Esse mit Hammer und Amboss einfache Stücke aus Metall fertigen.
