Cem Tören ist 36 Jahre alt und stammt aus Karlstadt. Inzwischen wohnt er in Frammersbach und führt dort seit eineinhalb Jahren eine Physiotherapie-Praxis. Bereits seit Herbst 2024 behandelt er auch die Spieler des örtlichen Fußballvereins, der als Sechstligist – gemeinsam mit dem TSV Karlburg – der höchstklassige Klub im Landkreis Main-Spessart ist. Tören ist bereits seit 2017 als Physiotherapeut selbstständig. Inzwischen führt er jeweils eine Praxis in Veitshöchheim und Frammersbach. Sein Herz als Fußball-Fan schlägt für den Bundesligisten Eintracht Frankfurt. In seiner Freizeit liest er gerne und spielt Xbox.
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Kaum hat man einen Fuß in die Praxis gesetzt, ruft Cem Tören auch schon: „Wer ist da?“ Er steht am Ende des Flurs, zwei Schritte vor den Geräten, an denen seine Patienten trainieren, wenn sie mit Rückenbeschwerden, Knieproblemen oder einem Bandscheibenvorfall zu ihm gekommen sind. Ein paar Minuten später, als sich der Physiotherapeut im Gymnastikraum seiner Frammersbacher Praxis auf einen Stuhl gesetzt hat, wird er fragen: „Welche Farbe hat der Ball?“ Es sind zwei der seltenen Momente an diesem Donnerstagvormittag Ende Juli, in denen man Cem Tören anmerkt, dass er eingeschränkt ist. Dass er nichts mehr sieht und sich all das mühsam erarbeiten musste: diese Praxis mit den fünf Angestellten, den zweiten Standort in Veitshöchheim mit neun weiteren Mitarbeitern, überhaupt die Normalität, sein neues, geregeltes Leben, in dem auch der Fußball eine große Rolle spielt.
Seit nunmehr zwei Jahren betreut Tören die Frammersbacher Mannschaft. Damals sei die Idee „bei einem Biergespräch“ aufgekommen, erzählt der 36-Jährige. Er interessiere sich doch für Fußball und sei mittlerweile aus Karlstadt nach Frammersbach gezogen. Könne er da nicht auch die Spieler behandeln, die gerade schwere Beine oder mit einer Verletzung zu tun haben? Tören konnte – und so sitzt er nun regelmäßig bei den Spielen auf der Bank, meist an der Seite von Nurican Önal, einem der Mitarbeiter in seiner Frammersbacher Praxis, die er im März 2025 eröffnet hat.
Ein Zwischenfall bei der Führerscheinprüfung
Für Cem Tören war es der letzte große Schritt in sein neues Leben. Eines, das ihm anfangs eine Menge abverlangt hat. Als er 20 war, verlor er mehr und mehr sein Augenlicht. Bei einer Fahrstunde kurz vor seiner Führerscheinprüfung habe er, erzählt Tören, ein Auto überholen wollen und dabei ein entgegenkommendes auf der anderen Spur übersehen. Als er sich daraufhin untersuchen ließ, hieß es: -20 Dioptrien. Eine Nachricht, die ihn kalt erwischte – wenn auch nicht aus vollkommen heiterem Himmel traf. Auch Törens Vater ist blind, und wenn er als Jugendlicher an den Wochenenden auf Partys ging, verlor er manchmal kurzzeitig die Orientierung, griff Freunden hin und wieder an die Schulter, um sich festzuhalten, rempelte andere an, verschüttete Getränke. Mit der Nachtblindheit, erzählt Tören, habe es angefangen. Im Laufe der Jahre fiel es ihm als Alten- und Behindertenpfleger auch immer schwerer, Medikamentenpackungen zu lesen. 2010 hatte er dann Gewissheit: Retinopathia pigmentosa, so lautete die Diagnose, eine unheilbare Erbkrankheit, bei der die lichtempfindlichen Zellen Schritt für Schritt auf der Strecke bleiben. Der Prozess führt geradewegs in die Erblindung und bedeutete für Tören: Er musste sich ein neues Leben aufbauen, von vorne anfangen, 1001 Dinge wieder erlernen: wie man ein Buch liest, wie man schreibt, wie man eine Straße überquert, das kleine und das große Einmaleins des Alltags. „Am Anfang hatte ich noch einen Sehrest, den ich nutzen konnte“, erklärt Tören, „jetzt kann ich nur noch hell und dunkel unterscheiden.“ Deshalb muss er sich vieles im Kopf speichern: Distanzen, Wege, örtliche Begeben- und Besonderheiten.
Erst bei der Umschulung merkte er, „wie krass es mich mitnimmt“
Wenn Tören auf dem Stuhl in seiner Praxis sitzt und davon erzählt, wie er sein gesamtes Leben umgekrempelt hat, kommt er ausgesprochen nüchtern daher. Als es darum geht, wie sehr es ihn anfangs mitgenommen hat, werden seine Sätze kürzer, direkter. Er schweift jetzt nicht mehr aus, lässt aber verstehen, dass es ihm in den ersten Monaten, ja Jahren ziemlich schwergefallen ist, sich ohne Augenlicht zurechtzufinden. Als er sich beim Berufsförderwerk in Veitshöchheim, einer Einrichtung für Sehbehinderte, umschulen ließ, „habe ich erst gemerkt, wie krass es mich mitnimmt“, erzählt Tören. Um damit klarzukommen, dass sich sein Leben um 180 Grad gedreht hatte und kaum noch etwas so war wie zuvor, nahm er dreimal die Woche psychotherapeutische Hilfe in Anspruch.
„Das war der einzige Weg, um da rauszukommen“, sagt Tören. Er wirkt recht abgeklärt, wenn er über die damalige Zeit spricht. Man spürt aber, dass es Themen gibt, über die er lieber spricht. Bei denen ihm die Sätze leichter von der Zunge gehen. Es schmerzte ja auch, dass ihn andere anfangs herabwürdigten und ihn mit Sprüchen spüren ließen, wie wenig sie ihm zutrauten. Heute, 16 Jahre später, ist er redselig und gesellig, aufgeweckt und offen. Die niederschmetternde Diagnose liegt lange zurück, Tören hat längst seinen Weg gefunden und ist damit ein Vorbild.
Auch den Funktionären des Frammersbacher Fußballvereins nötigt es großen Respekt und Anerkennung ab, wie sich Tören wieder einen Platz in der Mitte der Gesellschaft erkämpft hat. „Es ist sehr beachtlich, was Cem sich aufgebaut hat“, sagt der Sportliche Leiter Jochen Mill und hält es für „beeindruckend, wie er sein Leben meistert. Das zeigt, was mit großem Willen alles machbar ist.“ Inzwischen, sagt Mill, sei Tören mit seinem Engagement und seiner Umtriebigkeit längst „ein wertvoller Bestandteil“ des Vereins. Und dieses Engagement will Tören bald noch einmal ausbauen, um angeschlagene Spieler noch besser zu betreuen oder es gar nicht erst zu Verletzungen kommen zu lassen. „Da kann man noch ganz viel machen. Wir sind da erst am Anfang“, sagt Tören.
Im April steht er bei einem Fußballspiel plötzlich im Mittelpunkt eines Eklats
Ein Schwenk ins vergangene Frühjahr, es ist Mitte April, die Fußball-Saison liegt in ihren letzten Zügen. Frammersbach spielt gegen den TSV Abtswind, mehr als 230 Zuschauer sind an diesem Sonntagnachmittag auf den Sportplatz gekommen.Tören sitzt am Spielfeldrand, wie er es in den vergangenen beiden Jahren häufig getan hat. Noch vor dem Anstoß kommt einer der beiden Schiedsrichter-Assistenten zur Frammersbacher Bank, wo auch die Ersatzspieler Platz genommen haben.
Der Unparteiische hält einen Spielberichtsbogen in der Hand und gleicht die Namen, die darauf stehen, mit den Spielern und Funktionären ab, die tatsächlich auf der Bank sitzen. Der Name von Törens Assistent Önal fehlt, der Linienrichter schickt ihn weg. Das lässt die Emotionen hochkochen, die Worte fliegen hin und her. Noch bevor das Spiel überhaupt begonnen hat, sieht Torsten Alsheimer, Mills Kollege in der Sportlichen Leitung, die Rote Karte. Später werden alle Vereinsvertreter sagen, sie hätten sich „mehr Fingerspitzengefühl“ vom Schiedsrichter-Assistenten erhofft. Cem Tören teilt das. Aber er hat solche Situationen der Zurückweisung schon oft erlebt. Und am Ende hat er doch immer einen Weg für sich gefunden.
