Schnappsidee Stegreif-Marathon

42,195 Kilometer.

Unser Autor treibt regelmäßig Sport, ist aber nur ein einziges Mal 21 Kilometer gelaufen. Das ist nun fünf Jahre her. Jetzt will er die doppelte Strecke bewältigen – und das ohne Vorbereitung. Kann das gutgehen?

Inhalt

In Gemünden stehe ich vor der Wahl. Bis hierhin ist es recht gut gelaufen, obwohl ich schon ziemlich genau 30 Kilometer in den Knochen habe. Jetzt passiere ich den Bahnhof. Es ist 13.31 Uhr, in drei Minuten fährt ein Zug zurück in mein Heimatdorf Burgsinn. Wäre es nicht schön, jetzt einfach einzusteigen und das Experiment abzubrechen? Was hat mich eigentlich geritten, als ich mich entschieden habe, einen ganzen Marathon aus dem Stegreif zu laufen, obwohl ich sonst bei meinen Alltagseinheiten nie länger als ein Viertel dieser 42,195 Kilometer schaffe?

Gegenüber des Gemündener Bahnhofs, an einem Supermarkt-Parkplatz, hängt ein Plakat, auf dem für Organspende geworben wird. Darauf die Aufschrift: „Entscheidung getroffen?“ Ich beziehe die Frage auf mich und treffe tatsächlich eine Entscheidung: Ja, ich lasse den Zug abfahren und laufe weiter. Was ich in diesem Moment allerdings nur ahnen kann: welche Qualen mir erst noch bevorstehen. 
Ich bin 32 und treibe regelmäßig Sport. Bis vor zweieinhalb Jahren habe ich beim SV Birkenfeld Fußball gespielt – seitdem gehe ich zwei- bis dreimal die Woche laufen, meistens zwischen acht und zehn Kilometer. Ein blutiger Anfänger bin ich also nicht. Aber genügt meine Grundlage, um einen ganzen Marathon durchzustehen? 42,195 Kilometer?

Die längste Strecke, die ich jemals gelaufen bin, war exakt halb so lang – und das habe ich zum einen nur ein einziges Mal gewagt, zum anderen ist es schon fünf Jahre her. Ich habe also keinerlei Erfahrung, wie mein Körper bei Kilometer 30 oder 35 reagiert.

Am Tag vor dem Wettkampf liegt mir meine Mutter in den Ohren. Sie macht sich große Sorgen und befürchtet, dass ich falschen Ehrgeiz zeige und irgendwann auf der Strecke einfach zusammenklappe. Vor der Belehrung war ich eigentlich zuversichtlich, doch die eindringlichen Worte meiner Mutter geben mir dann doch zu denken. Also ein Anruf bei einem Arzt: Kann es gefährlich werden? Ist es mir selbst gegenüber vielleicht sogar verantwortungslos, was ich da im Schilde führe?

Ein Arzt kündigt an: „Ihr Körper wird ständig sagen: Hör auf!“

Dominikus Bönsch ist passionierter Läufer und Chefarzt in der Lohrer Psychiatrie. Es heißt ja, ein Marathon sei vor allem Kopfsache. Bönsch ist also ein guter Ansprechpartner. Er sagt: „Ganz ungefährlich ist es nicht. Menschen, die sonst gar keinen oder nur sehr wenig Sport treiben, müsste man sogar unbedingt davon abraten.“ Weil ich aber regelmäßig laufe, traut Bönsch es mir zu, den Marathon zu schaffen – allerdings nennt er schon alleine den Versuch „heldenhaft“.

Bönsch selbst geht drei bis vier Mal die Woche joggen. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er sagt: „Ich vermute, dass Sie die ersten 20 Kilometer ziemlich locker wegstecken. Dann wird Ihnen Ihr Körper ständig sagen: ‚Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr. Hör auf!‘ Das wird massiv.“ Bönsch verrät aber auch: „Diese Signale haben wenig mit dem tatsächlichen Leistungsvermögen zu tun.“ Soll also heißen: Mein Körper kann mehr, als er behaupten wird. Und wenn es hart wird, gilt: Augen zu und durch! Hat er, Bönsch, auch einen Rat, wie sich die Signale unterdrücken lassen? Der 56-Jährige erklärt: „Es hilft, Körper und Geist irgendwann zu trennen. Sagen Sie sich: ‚Die Signale haben nichts mit meinem Zustand zu tun. Die Beine bewegen sich doch noch.‘“

In den USA ist Blenk 4.265 Kilometer in 179 Tagen gelaufen

Es ist Mitte Januar. Auf der Autofahrt zum Burgsinner Bahnhof werden −13 Grad angezeigt. Der Deutsche Wetterdienst hat längst vor „längeren Aufenthalten im Freien“ gewarnt. Für sportliche Betätigungen sollte das zwar nicht gelten, aber die gefrorenen Wege machen den Lauf bestimmt nicht leichter. Dominik Blenk, den ich als Partner und Leidensgenosse für meine bislang größte Herausforderung gewinnen konnte, ist 2024 von Mexiko nach Kanada gewandert: 4.265 Kilometer in 179 Tagen, im Schnitt also knapp 24 Kilometer pro Tag – allerdings gehend.

Blenk ist das, was man einen Abenteurer nennen könnte. Er stammt aus Frammersbach. Als mir die Idee kam, ohne gezielte Vorbereitung einen Marathon zu laufen, lag es auf der Hand, einen wie ihn zu fragen. Ich ahnte, dass er für solche Schnapsideen zu haben sein würde. An diesem Januartag fahren wir gemeinsam mit dem Zug von Burgsinn nach Himmelstadt. Dort geht es los. Unsere Route soll einiges von dem miteinander verbinden, was den Landkreis Main-Spessart prägt und einen Gutteil seiner Identität ausmacht. Wir werden an der imposanten Kalksteinformation zwischen Karlstadt und Gambach entlanglaufen, an Weinreben, unter Burgruinen, durch malerische Altstädte und an den Rändern diverser Wälder. Das ist der Plan.

Ab Kilometer 20 werden die Gespräche kürzer

Nach zehn Kilometern machen sich meine Oberschenkel bemerkbar. Ich werfe mir ein Proteinbällchen aus Nüssen, Honig, Datteln und Elektrolyten ein. Nach etwa zweieinhalb Stunden und 20 Kilometern erreichen wir Gössenheim. Inzwischen spüre ich auch meine Wadenmuskulatur. Auf dem Weg nach Adelsberg werden die Gespräche zwischen Blenk und mir immer kürzer. Als ich auf dem Radweg ein rotes Auto stehen sehe, frage ich mich: Wie wäre es wohl, damit nach Steinbach zu fahren? Und: Werde ich es künftig mehr schätzen, wie sehr ein Auto das Leben erleichtert? Am Adelsberger Sportplatz fange ich an, mich allmählich von meinem Unterkörper zu distanzieren. Er gehört nicht zu mir! Ich kenne ihn gar nicht! Die Schmerzen halten sich allerdings noch in Grenzen, allzu eindringlich muss ich mir das also noch nicht einreden.

Mein Schienbein schmerzt unerträglich

Inzwischen habe ich meinen bisherigen Bestwert von 21 Kilometern übertroffen. Ab Gemünden ahne ich, warum Bönsch schon alleine den Versuch eines Marathons als „heldenhaft“ eingestuft hat. Ich sage mir aber: Es sind nur noch zwölf Kilometer – bloß etwas weiter, als du sonst an einem normalen Mittwoch oder Samstag läufst. Aber dann schlagen die Gedanken um. Je länger wir laufen, desto stärker scheint die Erdanziehungskraft zu wirken. Die Muskulatur und meine Gelenke schmerzen immer mehr. Noch vor Hofstetten denke ich mir beim Blick in den Schnee: Wie gerne würde ich mich da jetzt hinsetzen! Oder hinlegen! Bitte legen! Und vielleicht – wie früher als Kind – einen Schneeengel machen? Nur ohne mich zu bewegen!

Mein linkes Schienbein ist mein Endgegner. Ich kann nicht mehr. Als ich fünf Kilometer vor Steinbach ein Schild mit der Aufschrift „Naturschutzgebiet“ sehe, frage ich mich: Und wer schützt hier eigentlich mich? Vor mir selbst und vor meinen Schnapsideen? Blenk ist mir schon lange enteilt. Mein Schienbein! Seit Kilometer 33 laufe ich allein. Irgendwann fange ich an, kurz zu gehen. Dann werden diese Phasen länger. Mein Schienbein! Auf den letzten Kilometern gehe ich mehr, als ich jogge. Ab und zu halte ich an, stütze meine Hände in die Oberschenkel und schnaufe. Mein Schienbein!Aber dann komme ich an. Am Steinbacher Sportplatz ist es geschafft. Ich bin erledigt – und glücklich. Ich habe zwar sechs Stunden und zehn Minuten gebraucht, aber darauf kommt es überhaupt nicht an. Was für ein Tag! Was für ein Projekt! Und was für ein Gefühl!

… und danach?

Mehrere Wochen nach dem Marathon habe ich immer noch Schienbein-Schmerzen. Zwar nicht im Alltag, dafür umso heftiger, wenn ich jogge. Schon nach zwei, drei Kilometern setzt ein brennendes, tiefgehendes und anhaltendes Ziehen ein. Eine Knochenhautentzündung? Durchaus denkbar.

Jetzt gilt nur noch eines: Ruhe, Ruhe, Ruhe.

0
    0
    Warenkorb
    Dein Warenkorb ist leerZurück zum Shop
    Nach oben scrollen