Chikako Kirchner (57) sitzt an der Orgel der St. Andreas Kirche in Karlstadt. Ihre Hände gleiten über die Manuale, ihre Füße finden die Pedale. Ein mächtiger, den gesamten Raum erfüllender Klang setzt ein. Es ist ein Bild, das auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt: eine Japanerin an der Königin der abendländischen Kircheninstrumente. Doch für Chikako Kirchner ist diese Orgel längst kein fremdes Kulturgut mehr. Sie war ein Rettungsanker in unsicheren Zeiten und der Beweis, dass wahre Leidenschaft keine kulturellen Grenzen kennt.
Inhalt
Tokio – Würzburg – Gemünden: Ein Lebensweg zwischen den Kulturen
„Musik war mir früh vertraut“, so die gebürtige Tokioterin, die als Kind Heimorgel, später Klavier spielte. Doch dann folgte eine Zeit, in der die Zeit fehlte und die Instrumente verstummten: Studium in Tokio und Würzburg, Heirat nach Gemünden, ihre Arbeit als Übersetzerin. Die Faszination für klassische Musik, in Japan tief verwurzelt und populär, blieb und führte sie am Ende zur Orgel.
Die späte Entdeckung: Der unerwartete Ruf der Orgel
Die Entscheidung einer Japanerin, ausgerechnet Kirchenorgel zu lernen, erscheint auf den ersten Blick obskur. In einem Land, in dem nur etwa ein Prozent der Bevölkerung christlich ist, wirkt der Schritt befremdlich. Doch für Kirchner war der Impuls klar musikalischer Natur. Die Orgel faszinierte sie schon immer – doch der Mut, das Spielen auf diesem Instrument zu lernen, fehlte ihr lange: „Ich habe von anderen Musikstudierenden immer gehört, wie schwer und unzugänglich dieses Instrument sei.“
Den entscheidenden Anstoß gab 2020 ein Freund ihrer Tochter. Er hielt ein Referat in der Schule über das Orgelspiel. Dabei erfuhr sie, dass das Bistum Würzburg dringend Nachwuchsorganistinnen und -organisten suche und eine Ausbildung sogar fördere. Einziger Haken: Das Angebot richtete sich an Jugendliche, Altersgrenze: 50 Jahre. Chikako Kirchner war da bereits 53. Sie bewarb sich trotzdem.
Glück im Unglück: Ein Start kurz vor dem Lockdown
Ihr Vorstellungstermin bei Kirchenmusiker Stephan Seelbach war am 6. Februar 2020. „Ganz kurz vor dem Ausbruch der Pandemie“, erinnert sie sich. Seelbach, seit 39 Jahren im Dienst, erkannte ihr ernsthaftes Interesse und bot ihr trotz ihres Alters einen Platz an. Dann der Lockdown. Für die Japanerin, deren Übersetzer-Tätigkeit für die Lufthansa abrupt um 95 Prozent einbrach, wurde die Orgel zum Refugium. Sie konnte sich die Schlüssel für die Empore in der Kirche ausleihen und jeden Tag allein üben. „In dieser isolierten Zeit war das Orgelspiel meine einzige Konstante, mein Rettungsanker. Es gab mir Halt und Struktur.“
Harte Schule: Gehörbildung, Liturgie und ein geduldiger Lehrer
Der Lehrer förderte ihr Talent und bot ihr den C-Kurs an – eine anspruchsvolle, nebenberufliche, kirchenmusikalische Ausbildung mit staatlich anerkanntem Abschluss. Für eine Quereinsteigerin ohne kirchlichen Hintergrund eine immense Herausforderung. „Die größten Hürden waren die Gehörbildung und das Liturgiesingen“, gesteht Kirchner. Eine fast 20-jährige Spielpause lastete auf ihr, und die europäische Kirchenmusik war ihr völlig fremd. „Ich kannte kein einziges dieser Lieder. Das Psalmsingen war eine ganz neue, schwierige Welt.“
Neben der praktischen Orgelarbeit umfasste der Kurs Theorie, Musikgeschichte, Tonsatz und Orgelkunde. Ihr Lehrer begleitete sie mit pädagogischer Geduld. „Herr Seelbachs Engagement hat mich durch die schwierigen Phasen getragen.“ Im Juli 2025 bestand sie die Prüfung. Aus der Hobbymusikerin war eine geprüfte nebenamtliche Organistin geworden.
Ein Instrument, viele Welten: Die Orgel jenseits des Sakralen
Für die Wahlgemündenerin war die Orgel nie ausschließlich ein Sakralinstrument. „Ihre Geschichte ist viel breiter“, erklären Seelbach und Kirchner. Sie beschreiben die großen Konzertsaalorgeln und die Kino- und Kaufhausorgeln der Stummfilmzeit mit ihrem speziellen Klangreichtum. Sie denken an die Hammond-Orgel des Jazz und die Synthesizer der modernen Musik, die von der Orgel inspiriert wurden. „Dieses Instrument hatte immer auch eine weltliche Seite“, so Kirchner. Diese Perspektive half ihr, einen eigenen, unverkrampften Zugang zu finden. Die universelle Sprache der Musik, besonders eines Bach, überwindet dabei alle Grenzen.
Vom Übungsraum in den Gottesdienst
Bereits vor ihrer C-Prüfung begann die angehende Organistin, in der Kirche zu spielen. Die Vorbereitung ist intensiv: „Etwa einen Monat benötige ich für einen Gottesdienst mit bis zu zehn Liedern.“ Viel Abstimmung mit dem Pfarrer und liturgische Planung seien nötig. Diese Aufgabe erfüllt sie mit großer Freude. „Ich bin dankbar, die Gemeinde mit meiner Musik unterstützen zu können.“ Ihre Zukunft ist nun zwischen den Manualen und Registern der fränkischen Kirchenorgel verankert. Sie will ihr Spiel stetig verbessern, die Verbindung zwischen der japanischen Disziplin, die sie mitbrachte, und der deutschen Musikalität, die sie fand, vertiefen.
In den Tönen, zwischen Präludium und Fuge, hat Chikako Kirchner eine Sprache entdeckt, die Heimat heißt. „Manchmal“, sagt sie, während sie das mächtige Instrument betrachtet, „muss man nur den Mut haben, die ersten Töne zu spielen.“
