Wo rote Steine das Leben bestimmen

Familientradition seit 195 Jahren

Eine kleine Saurier-Skulptur, ein Sandsteinfindling, aus dem sich der Kopf eines Raubvogels schält, eine rote Steinsäule vor dem Wohnhaus. Drinnen setzt sich das Thema fort: In der Gästetoilette ein steinernes Waschbecken mit schimmernden Feldspateinschlüssen, im Wintergarten ein massiver Holztisch mit feinen Steinintarsien, und der Blick in den Garten bleibt unweigerlich am Sandsteinbogen hängen.

Inhalt

Der Bub mit Hammer und Meißel

Hans Dittmeier aus Wernfeld muss ein Stein-Gen in sich tragen. Auch mit 68 Jahren steht er an jedem Werktag im Steinbruch des Familienbetriebs, dessen Wurzeln bis zu Ururgroßvater Johann zurückreichen. Seit 195 Jahren haben schon sechs Generationen damit ihr Brot verdient. Trotz moderner Maschinen ist die staubige, körperlich schwere Arbeit harte Plackerei – doch sie erfüllt ihn. Das gilt selbst heute noch, obwohl er den Natursteinbetrieb Ende 2024 an seine beiden Söhne übergab. Viele Jahre hatte er ihn mit seiner verstorbenen Frau Martina geleitet. Eine der beiden Töchter hat nach dem Tod der Mutter das Büro übernommen, eine Nichte setzt als Bildhauerin künstlerische Wünsche der Kundschaft um.

Hans Dittmeier renoviert auch alte Bildstöcke. Seine Familie übt in der sechsten Generation den Beruf der Steehäwer (heute Steinhauer) aus – der Steinbruch der Familie ist eine Station am Europäischen Kulturweg in Gemünden-Wernfeld. Schon als Kind, später auch als Teenager, hatte Hans Dittmeier seinen eigenen Hammer und Meißel, für die weicheren Schläge einen Holzklüpfel. Damit klopfte er kleine Kunstwerke aus dem Stein – etwa Fische, die bei der Verwandtschaft begehrte Geschenke waren. Dennoch entschied Vater Rudi, der den Betrieb viele Jahre neben seinem Ehrenamt als Bürgermeister führte, dass der blonde Bub mit den markanten Gesichtszügen und den blauen Augen nicht in seine Fußstapfen treten sollte.

Umweg über das Handwerk

So begann er mit 14 Jahren eine Lehre als Kunstschlosser in Würzburg. Drei Jahre lang lernte er das Handwerk, half etwa bei der Renovierung der kunstvollen Oegg-Tore an der Residenz. Nach dem Abschluss folgten Einsätze als Bauschlosser und die Bundeswehrzeit – bis er schließlich doch im väterlichen Betrieb gebraucht wurde. „Hier hatte ich ja schon als Kind den Stein gehalten“, erinnert sich der drahtige Mann. „Und außerdem konnte ich alles, was ich gelernt habe, auch bei uns brauchen.“

Technik, Tüftelei und Tradition

Der Vater setzte früh auf Technik: Kreissägen, Elektrik, Maschinen zum Spalten der Steine. Hans brachte zusätzliche Fähigkeiten mit – er konnte schweißen, Diamanten an der Säge anlöten und Maschinen und Werkzeuge eigenhändig reparieren. Bis heute ist das für ihn selbstverständlich.

Seine Tüftlerleidenschaft führte sogar dazu, mit einem Berufsschullehrer aus Gemünden in jungen Jahren eine Maschine zu konstruieren, mit der sich auch exakte 90-Grad-Winkel schneiden ließen – das erleichterte die Herstellung traditioneller Fensterbänke aus Sandstein.

Ein Leben als Steehäwer

So wurde aus dem Kunstschlosser doch noch ein „Steehäwer“, ein Steinhauer – wie die Generationen vor ihm. Der rote Sandstein wird bis heute auf den Höhen von Wernfeld und Adelsberg gebrochen. Herzstück ist der Kammerforst, zunächst von der Gemeinde Wernfeld, heute von der Stadt Gemünden gepachtet. Früher baute er auch im Gelände beim Karlstadter Weiler Rettersbach Stein ab. „Da lagen über 20 Meter Abraum über dem Fels – bei starkem Regen sind wir dort regelrecht abgesoffen“, erzählt er. Heute konzentriert sich alles auf Wernfeld und Umgebung. Hier wechselt er ständig zwischen Steinbruch und Betrieb. „Die Gatter dort müssen laufen“, sagt er.

Sie zerteilen die roten Steinblöcke in Platten und Tranchen, Tag für Tag. Hans Dittmeier respektiert das natürliche Material, das über Jahrmillionen entstanden ist. „Beim Stein ist alles eine Frage des Winkels“, erklärt er. „Setzt man den Meißel zu steil an, frisst er sich hinein. Zu flach – und es passiert nichts.“

Heimisches Gestein und neue Ideen

75 bis 80 Prozent seiner Arbeiten entstehen noch immer aus heimischem rotem Sandstein. Für Muschelkalk greift der Wernfelder auf Vorkommen in der Würzburger Gegend zurück. Beide Gesteine sind ähnlich hart und gut zu bearbeiten. Für Neues ist er immer offen. Als die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau Veitshöchheim bei ihm ein Muschelkalkfass bestellte, war sein Ehrgeiz geweckt. Inzwischen hat er für Winzer zehn solche Fässer mit bis zu 500 Litern Fassungsvermögen gefertigt. „Ein Fass aus Muschelkalk verändert den Geschmack. Es nimmt dem Wein die Säure, verstärkt beim Silvaner das Geschmacksbild des Muschelkalks“, hat er sich von Winzern sagen lassen.

Nachhaltigkeit aus Überzeugung

Nachhaltigkeit spielt für ihn eine große Rolle. Im Steinbruch wird alles verwertet, nichts bleibt ungenutzt – selbst sogenannte „Lager“, geologische Unreinheiten, die herausgeschnitten werden müssen. Zwar sind sie für hochwertige Arbeiten ungeeignet, doch als Mauersteine finden sie Verwendung, etwa aktuell bei der Sanierung der alten Brücke in Schaippach. Sohn Alex, wie der ältere Bruder Jan auch ein Naturwerksteinmechaniker, wirft das Stichwort Upcycling in die Runde. Beim Stein stecke so viel Arbeit drin, da mag man ihn auch nicht wegwerfen, wenn er etwa als Grabstein nicht mehr genutzt wird. Man könne ihn auch noch umarbeiten für ein kleineres Urnengrab, nennt er ein Beispiel.

Sprengmeister mit Fingerspitzengefühl

Mit Seilsäge, Bagger, Radlader und Lkw wird der Sandstein in Wernfeld gewonnen. Einmal pro Woche fungiert der Endsechziger als Sprengmeister. „Ich setze so wenig Pulver wie möglich ein“, sagt er. „Mir geht es nur um die schiebende Wirkung, um den Rohblock vom Fels zu trennen.“ Daneben arbeitet er noch so wie der Vater und Großvater: Löcher bohren, Eisenkeile setzen, mit schwerem Hammer und Muskelkraft. „Je härter der Stein, desto leichter springt er“, sagt er und schätzt dennoch moderne Hilfsmittel.

Schätze aus uralten Zeiten

Sein geschultes Auge beschert ihm immer wieder fossile Funde: den Schutzschild eines Panzerlurchs, ein Knochenfragment eines Sauriers, versteinerte Klauen und Schachtelhalme. Museen haben bereits Interesse bekundet. Aber noch will er sich nicht von ihnen trennen.

„Später vielleicht“, so Hans Dittmeier. „Jetzt ist es dafür noch zu früh. Ich muss ja was zum Zeigen haben.“

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