Im Restaurant des Lächelns

Was ist Heimat, wenn man nicht daheim ist? Ein Jahr lang hat unser Autor die Welt bereist und dabei 20 Länder erkundet. Über das Gefühl, zu Hause zu sein, wenn man heute hier und morgen dort ist.

Das ist Sebastian Leisgang

Unser Autor ist 32 Jahre alt und stammt aus Burgsinn. Den Landkreis Main-Spessart hat er vor allem durch den Amateurfußball kennengelernt. Er spielte für den TSV Neuhütten/Wiesthal, den FV Karlstadt, den FC Gössenheim, den TSV Retzbach und den SV Birkenfeld. Mittlerweile geht er nur noch joggen – wenn er sich dazu denn aufraffen kann.

Inhalt

Seine Geschichte

Ich weiß noch, wie ich mit meiner Freundin eines Abends dieses Restaurant auf Koh Lanta betreten habe. Die Wände waren mit Bambus verkleidet, von der Decke flutete grelles Licht den Raum. Der Besitzer begrüßte uns und strahlte über das ganze Gesicht. Das Lächeln war herzlich, es fühlte sich warm an – nicht nur, weil es auch jetzt noch, am späten Abend, um die 25 Grad hatte. War das, hier auf Koh Lanta, ein Gefühl von Heimat? Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon vier Monate unterwegs und brauchten eine Pause. Auf Dauer bedeutet Reisen Stress. Strapazen. Ständig muss man etwas recherchieren. Was das nächste Ziel ist, wo man schläft, wo man Wäsche waschen kann. Irgendwann geht das an die Substanz. Reisen ist Arbeit. Deshalb also die Pause, deshalb Koh Lanta, eine der vielen Inseln im Süden Thailands. Bis wir hier ankamen, wusste ich nicht, dass es ein Glücksgefühl auslösen kann, einen Kleiderschrank einzuräumen. Aber nach vier Monaten, in denen ich aus meinem Rucksack gelebt hatte, empfand ich tatsächlich Freude, als ich meine T-Shirts und meine Hosen in einen Schrank legen konnte. Wir verbrachten zwei Wochen auf Koh Lanta und gingen jeden zweiten Abend in das Restaurant, das der Thailänder mit dem herzlichen Lächeln führte. Wobei man dazusagen muss: Lächelnder Thailänder ist eine Tautologie. Wie weißes Schimmel oder betrunkener Ballermann-Tourist. In Thailand lächeln alle. Immer. Man sagt zwar über Japan, es sei das Land des Lächelns, aber das stimmt nicht. Es ist Thailand. Ich bin in Burgsinn aufgewachsen. Ich habe noch nie gehört, dass jemand sagt, Burgsinn wäre das Dorf des Lächelns.

Das soll zwar nicht heißen, dass die Menschen in Burgsinn unfreundlich wären, ganz im Gegenteil. Aber Burgsinn liegt in Franken. Und Franken sind Skeptiker. Es braucht eine Weile, bis Franken auftauen.In Burgsinn steht mein Elternhaus. Hier habe ich bis heute Freunde, hier habe ich früher, als Kind, an den Nachmittagen nach der Schule auf einer Wiese neben unserem Haus einen Ball gegen eine Wand geschossen. Wieder und wieder, stundenlang – bis die Sonne untergegangen war oder ich so viele Laternenlichter auf der Terrasse kaputt geschossen hatte, dass meine Mutter mir befahl, endlich aufzuhören.Burgsinn ist auch jetzt, obwohl ich schon lange ausgezogen bin, meine Heimat. Aber das hat höchstens in zweiter Linie etwas mit Burgsinn selbst zu tun. Dass ich mich hier heimisch fühle, liegt eher an der Wärme, die ich dort spüre. An der Vertrautheit. Ist Heimat also gar kein Ort, sondern ein Gefühl? Was bedeutet Heimat? Und was bedeutet Heimat, wenn man immer auf Achse ist und ein Jahr lang reist, nach Thailand, nach Japan und in 18 andere Länder? Gibt es dann überhaupt so etwas wie Heimat, wenn man gestern noch in Paraguay war und heute in einem Hotel in Brasilien schläft, das nur einen Steinwurf von der Grenze zu Argentinien entfernt ist? Es ist gar nicht so leicht, diese Fragen zu beantworten. Ich kann nicht einmal abschließend erklären, ob es mein Bekanntes war, das Immergleiche, das Hamsterrad des Alltags, das mich in die weite Welt fortgetrieben hat – oder eher das Unbekannte, das mich neugierig werden ließ. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was sich auf meiner Weltreise nach Heimat angefühlt hat, lande ich als Erstes auf Koh Lanta. In diesem Restaurant, bei dem Lächeln des Besitzers. Er gab uns die Speisekarte seines Hauses nicht einfach bloß in die Hand – er überreichte sie uns und beugte seinen Oberkörper nach vorne, als wolle er sich verneigen. 

Sebastian Leisgang sitzt auf dem Berg

Wie zuvorkommend er war, wie warmherzig, wie sehr er uns umsorgte, das gab mir ein wohliges Gefühl. Dabei konnten wir uns nicht einmal richtig verständigen, weil er nur ein paar Brocken Englisch sprach. Es genügte, um eine Bestellung aufzunehmen, aber einen tiefergehenden Austausch hatten wir in all den Tagen kein einziges Mal. Ich finde, es sagt eine Menge über ihn aus, dass ich mich in seinem Restaurant, bei Curry und Reis, trotzdem wie zu Hause fühlte. Ohne Worte. Für mich war Koh Lanta der einzige Halt in 370 Tagen, der mich so empfinden ließ. Sonst ging es ja auch Schlag auf Schlag. Wir waren kaum länger als drei Tage an einem Ort, dann saßen wir schon wieder in einem Bus, der uns in die nächste Stadt brachte. Um sich aber heimisch zu fühlen, muss man erst einmal ankommen. Sich einrichten in der Umgebung. Sich zurechtfinden. Diese Zeit nahmen wir uns aber nicht, weil wir, gerade zu Beginn der Reise, alles erkunden und nichts auslassen wollten. Das war das neue Hamsterrad, in dem wir rannten. Nicht der Arbeitsalltag in Deutschland, sondern die Wasserfälle, Tempel, Vulkane, Strände, Berge und Schluchten. Da blieb keine Zeit zum Ankommen, keine Zeit für Heimatgefühle. Nur in Koh Lanta, im Restaurant des Lächelns, da war es anders.

"Um sich heimisch zu fühlen, muss man erst einmal ankommen."

Vermutlich lag es auch am Essen, dass ich mich dort wie zu Hause fühlte. Ist es sonst, wenn man daheim ist, nicht auch der Geruch und der Geschmack von Omas Linsensuppe oder von ihren Kartoffelpuffern, die einem ein Gefühl von Heimat geben? Wenn ich nun meine Freundin frage, was ihr in den Sinn kommt, wenn sie im Kontext der Weltreise an Heimat denkt, dann spricht sie auch von Koh Lanta. Oder von Taiwan. „Das ist ja wie in Deutschland hier“, hatte sie schon damals gesagt, als wir vor Ort waren, in Kaohsiung, einer Stadt an der Westküste Taiwans. Die vorangegangenen Monate hatten wir in Südostasien verbracht, in Ländern, in denen es ziemlich anders zugeht als zu Hause. In Osttimor etwa gab es keine Bushaltestellen. Man hob am Straßenrand einfach den Arm, der Fahrer hielt auf offener Straße an, damit man einsteigen konnte – und wenn man sein Ziel erreicht hatte, klopfte man mit einer Münze gegen die Festhaltestange, um dem Fahrer zu signalisieren, dass er anhalten muss. Das Leben in Südostasien ist in vielen Hinsichten freier und ungezwungener als in Deutschland. Später, in Taiwan, lief alles wieder so strukturiert ab, wie wir es von zu Hause kannten: Es gab Fahrpläne, Öffnungszeiten, Ampeln an Fußgängerüberwegen. Auch das war etwas, das meiner Freundin in einem fremden Land, über 9000 Kilometer entfernt von zu Hause, ein Gefühl von Heimat gab. Weil das Leben auf einmal wieder klare Abläufe hatte, Regeln. Wir Deutsche sind Regelhüter. Auch deshalb fühlte sich meine Freundin in Taiwan wohl. Für mich galt das auch für all die Länder in Südamerika, für Peru, Bolivien, Paraguay und Brasilien. Aber es war etwas anderes als auf Koh Lanta. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Wohlfühlen und dem Gefühl von Heimat. In vielen Städten Südamerikas musste man auf der Hut sein, aufpassen, dass einem das Handy nicht aus der Hosentasche geklaut oder die Uhr vom Arm gerissen wird. Südamerika ist wunderschön, und das Gros der Menschen ist unwahrscheinlich freundlich, aber es ist kein Vergleich zu Thailand. Zu Koh Lanta. Irgendwann würde ich gerne nochmal dorthin reisen. Hoffentlich gibt es dann noch das Restaurant. Und hoffentlich wird es dann immer noch von dem Mann geführt, der mir ein Gefühl von Heimat gegeben hat, Tausende Kilometer entfernt von Burgsinn.

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