Leben retten im unwegsamen Gelände

Eine Bergwacht in den Alpen mit den vielen hohen Bergen, Skifahrern, Wanderern und den vielen, zum Teil auch unerfahrenen, Touristen leuchtet sofort ein. Für eine Bergwacht in der Spessartgemeinde sprach und spricht noch immer viel:

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Am Sauerberg wird im Winter Ski gelaufen, im Sommer befördert der zwischenzeitlich umgebaute Lift wagemutige Mountainbike-Radler, die sich auf den zahlreichen Downhill-, Freeride- und Endurostrecken ihren Kick holen. Die Marktgemeinde ist ein Eldorado für Mountainbiker – dort lockte ab Ende der 1990er Jahre für eineinhalb Jahrzehnte der jährliche Bike-Marathon Massen an. Das war der Auslöser, endlich einen Bergwachtzug in Frammersbach zu etablieren: Die geostrategische Lage zwischen Rhön und Aschaffenburg, wo es ebenfalls Bergretter gibt, war vernünftig. Denn auch Gleitschirmflieger sind dort zuhause. Nach dem Bayerischen Rettungsdienstgesetz sind Bergretter beispielsweise zuständig bei unwegsamem Gelände, leiten und koordinieren Berg- und Höhlenrettung.

Die Bergwacht Bayern gehört zur großen Familie des Bayerischen Roten Kreuzes und ist gegliedert in sieben Bergwacht-Regionen, darunter die Bergwacht-Region Rhön-Spessart. Diese umfasst sieben Bergrettungswachen: Frammersbach kümmert sich um den Landkreis Main-Spessart und gemeinsam mit Hösbach, Miltenberg und Langenleiten um den Naturpark Spessart. Die Regionalgeschäftsstelle der Region Rhön-Spessart befindet sich in Oberelsbach in der Rhön, die Bergrettungswache in Main-Spessart ist angesiedelt neben dem Gebäude der Feuerwehr Frammersbach in der Jahnstraße. Dort wird 14-tägig donnerstags ab 18.30 Uhr geübt.

Fallschirm hängt im Baum

Kleine schlagkräftige Truppe

Doch bevor Dildey und die aktuell 15 aktiven Einsatzkräfte überhaupt loslegen konnten, mussten sie eine umfangreiche Ausbildung absolvieren, die sich über zwei bis drei Jahre hingezogen hat. Dafür muss man mindestens 16 Jahre alt und körperlich fit sein, einen Eignungstest absolvieren, Skifahren und klettern können. Die angehenden Bergretter durchlaufen vier Ausbildungs-Module: Sommer-, Winter- und Luftrettung, Notfallmedizin und Naturschutz in der eigenen Bereitschaft und Vorbereitungswochen sowie Prüfungen auf regionaler Ebene. „Es wird immer schwieriger, Anwärter zu gewinnen, weil die Messlatte hoch ist, vor allem wegen des Skifahrens“, bedauert Dildey. Immerhin haben die Frammersbacher aktuell 15 junge Leute in der Ausbildung. Auf sie warten interessante Aufgaben: Absicherung von Ski- und Langlauf- beziehungsweise Mountainbikeveranstaltungen am Sauerberg, Verletzten- und Vermisstensuche in teilweise schwierigem Gelände, Einsätze im Klettergarten am Edelweiß in Karlstadt und am Kletterpfeiler im Saaletal bei Gräfendorf, in Steinbrüchen, Rettung aus höheren Gebäuden, im Forstbereich, in Steilbereichen auch im Weinbau und normale Sanitätseinsätze. Denn die Bergwacht – und das ist eine Besonderheit – leistet auch den „Helfer-vor-Ort“-Dienst für Frammersbach, Partenstein und Habichsthal mit jährlich 140 bis 150 Einsätzen.

„Die Einsatzkräfte haben schon einige Leben gerettet“
Dafür ist Frammersbachs Bürgermeister Christian Holzemer dankbar und voll des Lobes für die aktive Gruppe. Sie ist fürs unwegsame Gelände ausgestattet mit einem Allradfahrzeug, in dem Patienten liegend transportiert werden können und einem ATV (All Terrain Vehicle). Dieses Arbeitsfahrzeug mit Allradantrieb für den Geländeeinsatz ist ein Quad mit Besonderheiten bei Bauform, Gewicht und Antriebstechnik.

Bei Bedarf schickt die Integrierte Leitstelle Würzburg (ILS) die Einsatzkräfte los. „Die Personensuche kommt relativ häufig vor“, führt Einsatzleiter Dildey aus. Gerade im unwegsamen Gelände im Spessart sind die Bergretter gefragt. Menschen und Tiere müssen zuweilen aus einer brenzligen Situation befreit werden. Im Juni wurden die Frammersbacher Helfer zum Bergrettungseinsatz nahe der Homburg alarmiert – ein Gleitschirmflieger war abgestürzt. Den verunglückten Piloten versorgten sie zunächst medizinisch, brachten ihn mit einer Gebirgstrage aus dem unwegsamen Gelände und übergaben ihn dann dem Landrettungsdienst. Der Verletzte kam mit Verdacht auf ein Wirbelsäulentrauma in die Klinik. Zu diesem Einsatz wurden weitere Vertreter der Blaulichtorganisationen hinzugezogen.

Pferd aus Schlucht geborgen

Der spektakulärste Fall für Dildey, seinen Stellvertreter Marko Kirsch und das Team war die Rettung eines Pferdes aus einer Schlucht bei Weikersgrüben im Mai diesen Jahres. „Eine Ausnahmegeschichte!“, sagt der technisch versierte 53-jährige Dildey. Dort war ein Reiter mit seinem Pferd bei einem Ausritt vom Weg abgeraten. Sie rutschten gemeinsam über einen steilen Abhang in eine matschige Schlucht und fanden in der Nacht aus eigener Kraft keinen Ausweg aus der misslichen Lage. Morgens schlug der Reiter Alarm, beim Einsatz wurde die Bergwacht Frammersbach durch die Rhöner Kollegen aus Oberbach unterstützt. Die Helfer – Bergretter, Feuerwehrler und ein Holzunternehmen – retteten das nur leicht verletzte Pferd gemeinsam mittels „V-Aufzug“. 

In der „Canyoning-Rettung“ wurde einst dieses spezielle Verfahren entwickelt; die Helfer vor Ort wendeten es erfolgreich an. „Das Pferd musste nicht eingeschläfert werden“, freut sich Dildey über die erfolgreiche Aktion.

Bergretter sind aber auch Naturschützer

In Kooperation mit dem Landschaftspflegeverband Main-Spessart haben sie am Steilhang des Edelweiß die nicht gewünschten Schwarzkieferbäume entfernt. Dort war die Truppe auch schon bei einigen zum Teil spektakulären Luftrettungseinsätzen mit Hubschraubern beteiligt. Vielleicht sollte sich mancher Zeitgenosse diese Lebensweisheit vor Augen führen und etwas mehr eigenverantwortlich sein: „Der Mensch muss nicht überall hin, wohin er will oder kann.“ Doch Frank Dildey ist da eher zurückhaltend: „Wir bilden uns kein Urteil über einen Menschen, der in Gefahr gerät. Die Rettung steht an erster Stelle! Das ist auch einer der Rotkreuzgrundsätze und das gilt auch für uns.“

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