Mehr ist mehr

Anfang der Siebziger hat Reinhold Scherg
erstmals geflmt, inzwischen gibt es in seinem
Privatarchiv nichts, was es nicht gibt.
Der 78-Jährige aus Partenstein nimmt alles auf:
Dorffeste, Vereinsjubiläen, sogar Baustellen.
Die Zeitdokumente sind sein Lebenswerk.
Besuch bei einem, der allmählich loslässt.

Inhalt

Das ist Reinhold Scherg

Reinhold Scherg wurde 1947 als erstes von vier Kindern in Hausen geboren. Sein Vater war Schuhmacher, seine Mutter Hausfrau. 13 Jahre lang arbeitete Scherg als Monteur in Sailauf und Krombach, bevor er eine Stelle als Museumstechniker im Lohrer Schloss annahm. Dort war er ein Vierteljahrhundert tätig. Auch Schergs Tochter Nicole ist Filmemacherin. Sie lebt in Wien. Im vergangenen Jahr lief ihr Film „Wise Women – Fünf Hebammen, fünf Kulturen“ in über 80 Kinos und wurde für den österreichischen Filmpreis nominiert.

Scherg ist 78 Jahre alt und verheiratet. Er wohnt mit seiner Frau in Partenstein. Früher verbrachte er seine Freizeit als Wagenbauer für Faschingsumzüge und als Hobbyarchäologe. Eine Urkunde als Beleg: Der Bau der größten und der kleinsten Mausefalle der Welt hat Scherg einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde eingebracht.

Reinhold Scherg erzählt die Geschichte mit einer Lässigkeit

Reinhold Scherg erzählt die Geschichte mit einer Lässigkeit, dass man meinen könnte, es hätte nichts auf dem Spiel gestanden. Als wäre es bloß um irgendeine Nebensächlichkeit gegangen, um etwas wie die Frage: Hund oder Katze? Fisch oder Fleisch? Wenn Scherg erzählt, hat man jedenfalls nicht den Eindruck, als wäre es um Leben oder Tod gegangen. Dabei ging es das. Rund dreißig Jahre ist es jetzt her, zu einer Sonderausstellung im Lohrer Spessartmuseum hatte Scherg die kleinste und die größte Mausefalle der Welt gebaut. Beides brachte ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ein.

Die Feder der Mausefalle rauschte Richtung Boden

Scherg hatte es mit einem „Helfer“ zu tun. Im Laufe seiner 25 Jahre als Museumstechniker hatte er Hunderte von ihnen, Straffällige, die in Schergs Obhut Sozialstunden ableisteten. „Er hat nicht aufgepasst“, sagt Scherg. Die Feder der Mausefalle rauschte Richtung Boden und schlug in einem Bock ein. Scherg stand unmittelbar daneben. Hätte sie ihn getroffen, säße er jetzt wahrscheinlich nicht mehr in seinem Arbeitszimmer und würde lachen.

 

Ein Abend im Juni, der Tag, der jetzt allmählich ausklingt, war flirrend heiß. In seinem Arbeitszimmer hat Scherg die Rollläden runtergelassen, um der Sonne den Weg durchs Fenster zu versperren. Die Geräte, die Bildschirme, die Rechner, die Receiver, heizen Schergs Reich ohnehin schon auf Unterhemden-Temperatur auf. Oder um es in Schergs Worten auszudrücken: „Es ist ’ne Mordshitz da herin.“ Vor dem Treffen hat er sich Notizen gemacht. Er will nichts vergessen. Und Scherg ist ja einer, der alles dokumentiert, immer und überall: Dorffeste, Vereinsjubiläen, Hochzeiten. Also dokumentiert er auch das, was er im Gespräch unbedingt loswerden will. Scherg sitzt in seinem Schreibtischstuhl und schaut auf den Notizzettel. Die Geschichte mit der Mausefalle steht nicht darauf. Stattdessen: wie es losging, damals, vor über fünfzig Jahren, Anfang der Siebziger.

1973 filmte er den Protestmarsch von 4.000 Lohrern in München

Seinerzeit wollte Scherg seine eigene Hochzeit festhalten, „aber ich konnte mir damals keine Kamera leisten, wenn ich ehrlich bin“. Erst zwei Jahre später machte er dann seine ersten Aufnahmen, bei einem Protestmarsch, für den über 4.000 Lohrer durch München zogen, um dagegen Stimmung zu machen, dass ihre Stadt den Kreissitz an Karlstadt abgeben sollte. Seitdem filmt und fotografiert Scherg alles, sogar Baustellen. Wenn er jetzt in seinem Büro erzählt, wie er die Arbeiten an der Wiesenfelder Ortsumgehung dokumentiert hat, wird er euphorisch. Seine Augen glitzern. 

„Es sind nur Maschinen“, sagt Scherg, „aber wenn du siehst, wie die zusammenschaffen …“. Es verschlägt ihm die Sprache. Scherg lässt den Satz unvollendet, so ergriffen ist er von der Erinnerung, von der Harmonie der Maschinen, von der Baustelle selbst. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen: Geht es hier gerade wirklich um eine Baustelle? Um Bohrmaschinen, Bagger, Betonmischer? Ist es wirklich das, was ihn so emotional werden lässt?

Mit den Aufnahmen schreibt Scherg Zeitgeschichte im Kleinen

Um Scherg zu verstehen, muss man seine Aufnahmen verstehen. Dass er Erinnerungen für die Nachwelt konserviert, Momentaufnahmen zu Dokumenten werden lässt. Das, was er festhält, überdauert das, was es zeigt. Es ist größer, bedeutender. Eine Baustelle mag trotzdem nur eine Baustelle bleiben, doch sie lässt den Filmemacher Reinhold Scherg mehr sein als einen Filmemacher. Sie lässt ihn, den Jäger und Sammler, Zeitgeschichte schreiben. Und sei es nur im Kleinen. In einem Nebenraum, ein paar Schritte von Schergs Arbeitszimmer entfernt, hat jede Kassette ihren Platz, jeder Ordner sein Zuhause, jede DVD ihre feste Nachbarin. Es sind Tausende. Schergs Sammlung ist scheckheftgepflegt.„Wenn du siehst, wie die Leute sich freuen, wenn ich ihnen die Aufnahmen schicke – das ist die Erfüllung.“

Einmal, erinnert er sich, sei die Deutsche Bahn auf ihn zugekommen und habe sich seine Aufzeichnungen geben lassen. Bei einer Baustelle am Partensteiner Bahnhof war etwas schiefgegangen – und dank Schergs Fotos ließ sich die Frage nach dem Was beantworten. Im Treppenhaus, das das Büro und den Nebenraum verbindet, hängt eine Urkunde. Die Gemeinde Partenstein hat ihn, Scherg, im November 2022 zum Ehrenbürger ernannt, um sein „überaus großes Engagement“ zu würdigen, mit dem er sich „über das normale Maß eines Ortsbürgers hinaus verdient gemacht“ habe. Über Jahrzehnte hat Scherg dafür gesorgt, dass die Partensteiner Geschichte der Nachwelt erhalten bleibt – jetzt wirft er einen Blick auf die Urkunde und sagt: „Seitdem darf ich kostenlos U-Bahn fahren in Partenstein.“

Reinhold Scherg ist schon lange selbst ein Original

Es ist ein typischer Scherg. Ebenso wie: „Zur Silberhochzeit habe ich meiner Frau geschenkt, dass ich an Fasching nix mehr mach.“ Jahrelang hat er Umzugswagen gebaut, auch das gab ihm viel. Heute sind es aber all die Filme, über die er sagt: „Wenn du siehst, wie die Leute sich freuen, wenn ich ihnen die Aufnahmen schicke – das ist die Erfüllung.“ Inzwischen hat Scherg sein gesamtes Material digitalisiert. Jetzt gehe es nur noch darum, es „zu verteilen“, sagt er. Die Rodenbacher bekommen die Aufnahmen vom Rodenbacher 700-Jahr-Fest, die Wiesthaler Werkvolkkapelle die Aufnahmen vom 66-Jährigen der Wiesthaler Werkvolkkapelle. Ist er, Scherg, also fertig? Ist sein Lebenswerk vollendet?Tatsächlich hat man den Eindruck, dass Reinhold Scherg allmählich loslässt. Er hat alles bereitet – und irgendwann ist es an anderen, seine Arbeit fortzuführen. Etwa im „Ahlen Kram“, dem Heimatkundemuseum, das nur ein paar Straßen von Schergs Haus entfernt ist. Hier werden seine Geschichten weitergetragen, hier hat er Kameras ausgestellt, Projektoren von einst, Commodore-Rechner. Geräte aus einer anderen Zeit. Mit allen hat Scherg schon mal gearbeitet, jetzt sind es Ausstellungsstücke. Ein Original neben dem anderen. Und mittendrin Reinhold Scherg, der längst selbst ein Original ist.

Vom Übungsraum in den Gottesdienst

Bereits vor ihrer C-Prüfung begann die angehende Organistin, in der Kirche zu spielen. Die Vorbereitung ist intensiv: „Etwa einen Monat benötige ich für einen Gottesdienst mit bis zu zehn Liedern.“ Viel Abstimmung mit dem Pfarrer und liturgische Planung seien nötig. Diese Aufgabe erfüllt sie mit großer Freude. „Ich bin dankbar, die Gemeinde mit meiner Musik unterstützen zu können.“ Ihre Zukunft ist nun zwischen den Manualen und Registern der fränkischen Kirchenorgel verankert. Sie will ihr Spiel stetig verbessern, die Verbindung zwischen der japanischen Disziplin, die sie mitbrachte, und der deutschen Musikalität, die sie fand, vertiefen. n den Tönen, zwischen Präludium und Fuge, hat Chikako Kirchner eine Sprache entdeckt, die Heimat heißt. „Manchmal“, sagt sie, während sie das mächtige Instrument betrachtet, „muss man nur den Mut haben, die ersten Töne zu spielen.“

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